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Aro Kuhrt fährt nachts Taxi und schreibt darüber. Nun hat er 100 seiner Erlebnisse in einem Buch zusammengefasst. Eine persönliche Rezension.

Cover des Buches von Aro Kuhrt

Cover des Buches von Aro Kuhrt

Ein Großraumtaxi fährt durch die Nacht. Lichter spiegeln sich im glänzenden Asphalt, wahrscheinlich regnet es. Das Taxischild leuchtet doch wir schauen dem roten Kleinbus hinterher. Hat uns der Wagen abgesetzt oder ignoriert? Ist das Bild, welches das Cover von Aro Kuhrts Buch „Der ganz normale Wahnsinn in der der Nachtschicht“ ziert, gar ein Beweisfoto? Immerhin weiß ich nach der Lektüre, dass es für Taxifahrer eine Beförderungspflicht gibt.

Taxifahrer (wie auch Taxifahrerinnen) sind für mich unbekannte Wesen. Ich fahre so gut wie nie Taxi. Das liegt einerseits am fehlenden Geld, andererseits hat es wohl auch mit meiner Sozialisation zu tun. So kann ich mich nicht daran erinnern, dass in unserer Familie jemals Taxi gefahren wurde. Ich weiß nicht, ob das Taxifahren prinzipiell als unnützer Luxus abgetan wurde, oder ob es schlicht mit den Gegebenheiten in der DDR zu tun hatte. Denn zumindest in der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, war es nahezu unmöglich spontan ein Taxi zu bekommen.

Gut entsinne ich mich noch einer Situation meiner Kindheit, als meine Großmutter anlässlich ihrer Geburtstagsfeier ein Taxi für ihre Gäste (und nur für diese) vorbestellen wollte. Bis zur Feier waren es noch zwei Wochen hin, aber Oma bestand darauf, bereits jetzt zwei Taxifahrten zu reservieren. Ich wurde also vorgeschickt, mich in die Reihe vor dem einzigen Telefonhäuschen des Viertels anzustellen. Zehn Minuten nach mir kam meine Oma und wir mussten noch einmal fünf Minuten warten, bis der Apparat frei war. Die Sorge meiner Großmutter wegen des möglicherweise ausgebuchten Taxis war übrigens nicht unbegründet. Da dieses zur gewünschten Zeit tatsächlich schon reserviert war, musste die Abfahrtszeit unserer Gäste um eine habe Stunde vor und eine halbe Stunde nach hinten verlegt werden, was auf der Feier fast zu Streit führte, da natürlich die meisten die spätere Fahrt nutzen wollten.

Gut möglich, dass es Erfahrungen wie diese waren, die dazu führten, dass Taxis als Transportmittel in meiner Familie bis heute kein Thema sind. Aro Kuhrts Buch, welches auf seinen Blogeinträgen von Berlin-Street basiert, ist somit in vielerlei Hinsicht „Neuland“ für mich. Außer dass es eine Taxi-Beförderungspflicht gibt, lehrt es mich beispielsweise, dass Taxifahrer ihre angetrunkenen Fahrgäste in 5 Kategorien unterteilen: „Aggressiv (lässt man möglichst stehen), stark auswurfgefährdet (dito), verpeilt (kein Problem), leise und zurückhaltend (sehr willkommen), laut und eher wenig zurückhaltend (je nachdem).“

Darüber hinaus vermittelt „Der ganz normale Wahnsinn in der Nachtschicht“ einen Einblick in den Berufsalltag eines Taxifahrers. Der Untertitel des Buches „100 Taxi-Erlebnisse: kurios – amüsant – nachdenklich – frustrierend“ deutet an, welche Bandbreite diese abdecken. So unterschiedlich die Erlebnisse, so verschieden sind auch die Fahrgäste: wissbegierige Touristen, gestresste Politiker, aufmüpfige Teenager, angetüdelte Rentner, zwielichtige Nachtgestalten, freundliche Obdachlose und viele mehr sind von Aro Kuhrt während seiner 15jährigen Tätigkeit als Nachttaxifahrer chauffiert und genau beobachtet wurden.

Aro Kuhrt begegnet ihnen unvoreingenommen und neugierig, wobei er auch mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält. Arrogante oder zickige Fahrgäste bekommen ihr Fett aber nicht nur in seinen Texten weg, sondern in Fällen von Rassismus, Antisemitismus oder Homophobie unterbricht er mitunter sogar seine Fahrt und setzt diese vor die Tür. Trotz der teils nervigen, teils negativen Erfahrungen und der schwieriger werdenden wirtschaftlichen Perspektive mag Aro Kuhrt seinen Beruf. Und das merkt man auch seinen Texten an. Es ist die Freude am Beobachten, an den Begegnungen und dein Einblicken, die sich aus den kurzen und doch teils sehr intensiven Gesprächen ergeben. Und natürlich ist da auch die Lust am Erzählen, die durch das Erlebte, ob nun frustrierend oder erhebend, Nahrung erhält.

Die kurzen Texte, die meist nicht länger als eine Seite sind, zeichnen sich dabei durch eine klare, schlichte Sprache aus. Lakonisch und sympathisch beiläufig berichtet Aro Kuhrt von seinen Erlebnissen, die selten das Knallige und nie das Reißerische in den Fokus rücken. Krasse Stories von irren Betrunkenen und ihren tolldreisten Abenteuern finden sich in seinem Buch jedenfalls nicht. Besonders gut gefallen haben mir die Texte, die über das Anekdotische hinausgehen. Oft sind dies kleine, scheinbar nebensächliche Augenblicke (wie die Katze, die nachts über den Savingy-Platz streift), die Kuhrt mit beiläufiger Poesie sehr treffend einfängt. Oder die stimmungsvollen Schilderungen des stillen, nächtlichen Berlins. Oder die melancholischen Reflexionen, zu denen er sich hin und wieder „hinreisen“ lässt und die oft mit der Einsicht enden, dass es ihm, verglichen mit vielen armen Menschen (nicht nur in materieller Hinsicht), denen er in Berlin immer wieder begegnet, doch eigentlich ganz gut geht.

So hat mir „Der ganz normale Wahnsinn in der Nachtschicht“ nicht nur das Taxigewerbe näher gebracht, sondern auch Orte und Menschen in Berlin, die mir sonst vielleicht entgangen wären. Damit ist also auch die Eingangsfrage geklärt: Das rote Taxi auf dem Cover hat mich abgesetzt, nachdem es mich ein schönes Stück durch Berlin mitgenommen hat. Die Fahrt war spannend, interessant und unterhaltsam und kann nur weiterempfohlen werden.

Aro Kuhrt: Der ganz normale Wahnsinn in der Nachtschicht; 112 Seiten; 9 Euro. Das Buch kann in ausgewählten Buchhandlungen erworben oder über die Webseite des Verfassers bestellt werden. Dort finden sich auch einige Leseproben und weitere Informationen.

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