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Berliner Geschichtenwegweiser

Mit Julius Rodenberg vor dem Landsberger Tor

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Vielen Berlinern war der östliche Stadtrand schon immer verdächtig. So klingt auch Julius Rodenbergs Spaziergang entlang der Landsberger Allee im Jahr 1880 fast wie eine wagemutige Reise. Auf den Spuren des tollkühnen Flaneurs in den „fernen Osten“.

Landsberger Allee Ecke Weißenseer Weg

Landsberger Allee: heute wie 1880 nicht „fashionable“; Foto: M.Herold

„Einer meiner liebsten Sonntagsspaziergänge ist vor dem Landsberger Tor. Ich weiß wohl, dass das nicht die fashionabelste Gegend ist; und ich würde wahrscheinlich in einige Verlegenheit geraten, wenn mir dort plötzlich ein Bekannter begegnete und mich fragen wollte: »Wie kommen Sie hierher? Was haben Sie hier zu tun?« Ich wüsste nicht, was ich ihm antworten sollte. Doch das ist es eben, was mich dahin führt: die vollkommene Gewissheit, einem Bekannten auf jener Seite der Stadt nicht zu begegnen.“

Mit diesen Worten leitet der Berliner Journalist Julius Rodenberg 1880 seinen literarischen Spaziergang entlang der Landsberger Allee ein. Und auch wenn viele Berliner wahrscheinlich nicht genau sagen könnten, wo dieses Landsberger Tor war, würde man Rodenberg wohl zustimmen. Denn auch heute noch ist die Landsberger Allee alles andere als „fashionable“ und die Chance hier Bekannte aus anderen Teilen Berlins zu treffen, dürfte kaum höher sein als vor 130 Jahren.

Warum also nicht einmal ein Spaziergang auf den Spuren Julius Rodenbergs, der sich das journalistische Ziel gesetzt hatte, „das Bild zu fixieren, welches Berlin im Verlauf seiner Umgestaltung dem Blicke des Beobachters“ bot. Kein geringes Vorhaben, wenn man bedenkt, dass sich die Einwohnerzahl Berlins allein zwischen 1870 und 1890 von 800.000 auf 1,6 Millionen verdoppelte. In einem Tempo wie es heute nur aus den so genannten Schwellenländern bekannt ist, wuchs damals die Stadt und damit auch ihre Ausfahrtsstraßen. Eine Folge davon ist, dass die Landsberger Allee heute mit 11 Kilometer eine der längsten Straßen Berlins ist. Und eine der am stärksten befahrenen. Nicht gerade die optimalen Vorraussetzungen für einen gemütlichen Sonntagsspaziergang. Da auch der Wetterbericht wenig Gutes verkündet, entscheide ich mich die Strecke mithilfe der öffentlichen Verkehrsmittel zu erkunden. Unlauterer Wettbewerb? Nö, auch Julius Rodenberg fuhr einen Großteil der Strecke von seiner Wohnung am Tiergarten bis zum Landsberger Tor mit der Pferdedroschke. Da diese heute nur noch für die Touristen unter den Linden verkehren, verlege ich mich auf die Straßenbahn. Dabei bietet sich die Tramlinie M6 an, da sie von zwei kleinen Schlenkern abgesehen, der Streckenführung der Landsberger Allee in ihrer gesamten Länge folgt. Doch wo einsteigen?

Platz der Vereinten Nationen, früher stand hier das Landsberger Tor; Foto: M. Herold

Platz der Vereinten Nationen, früher stand hier das Landsberger Tor; Foto: M. Herold

Das Landsberger Tor, das nach dem Städtchen Altlandsberg benannt ist, war eines von 18 Toren, das den Durchlass durch die Zollmauer ermöglichte. Diese knapp vier Meter hohe Mauer umgab Berlin ab 1737 und sollte den Schmuggel, aber auch die Fahnenflucht der Soldaten verhindern. Das Wachstum der Stadt machte an ihr allerdings nicht halt. Lediglich das Brandenburger Tor blieb von der Berliner Zollmauer übrig. Während einige Plätze, wie der Potsdamer Platz, immerhin den Namen des einstmals auf ihnen stehenden Tores behalten haben, hieß der Landsberger Platz von 1950 an „Leninplatz“ und ab 1992 „Platz der Vereinten Nationen“.

Während ich auf die Straßenbahn M6 warte, schaue ich mich um und betrachte den Platz. Rodenberg nennt ihn „einen wirklich großstädtischen Anblick“, schwärmt von den „wahrhaft herrschaftlichen Häusern“ und beschreibt die Landsberger Allee als „eine Straße, wie einer von den Pariser äußeren Boulevards, in der Mitte mit Bäumen bepflanzt und so breit wie in Berlin etwa nur noch die Straße unter den Linden.“ Die mittig stehenden Bäume sind weg, aber breit ist die Straße immer noch, und die DDR-Oberen hätten ihre Plattenbauten, die heute das Bild des Platzes bestimmen, sicherlich auch als großstädtisch herrschaftlich bezeichnet, wo man doch auch bei der Karl-Marx-Allee so gerne von „Arbeiterpalästen“ sprach. Alles eine Frage der Perspektive.

Ich steige in die Tram und mit etwas Glück finde ich in einen Fensterplatz, dessen Scheiben nicht von außen mit Werbung abgeklebt sind (wieso meckert da eigentlich keiner drüber, wie es früher beim Graffiti üblich war?). Während die Straßenbahn geschwind den leichten Anstieg hinter dem Platz der Vereinten Nationen erklimmt, ziehen rechts vier- bis fünfstöckigen Altbauten vorbei. Ich frage ich mich, ob sie wohl schon zu Rodenbergs Zeiten hier standen. Aber was genau heißt das „Rodenbergs Zeiten“ und wer war er eigentlich?

Juliuas Rodenberg, 1889; Quelle: Wikipedia

Julius Rodenberg, 1889; Quelle: Wikipedia

Julius Rodenberg, der 1831 als Julius Levy in Rodenberg nahe Hannover geboren wurde, kam während seines Jura-Studiums 1853 erstmalig nach Berlin. Als junger Lyriker verkehrte er im Hause der Gebrüder Grimm und bei Varnhagen von Ense. Auf dessen Anraten änderte er seinen Namen, ohne jedoch vom Judentum zum Christentum zu konvertieren. Nach Abschluss seines Studiums und ausgedehnten Reisen durch Europa ließ er sich 1862 als Journalist und Redakteur endgültig in Berlin nieder. 1874 gegründete er die „Deutsche Rundschau“. Diese entwickelte sich unter ihm zu einer der wichtigsten deutschen Monatszeitschriften. Für sie schrieben unter anderen Theodor Storm, Gottfried Keller, Marie von Ebner-Eschenbach und Theodor Fontane, von dem drei Romane, darunter „Effi Briest“, erstmals in der „Deutschen Rundschau“ veröffentlicht wurden. Rodenberg selbst schrieb unter anderem Lieder, Märchen, Romane, Theaterstücke, Reiseberichte, eine Oper und sehr viele Zeitungsbeiträge. Er starb 1914 im Alter von 83 Jahren in Berlin.

Wäre Rodenberg kurz vor seinem Tod hier entlang spaziert, hätte er vielleicht die gleichen Gebäude wie ich gesehen. Aber 1880, als der Text „Sonntag vor dem Landsberger Tor“ erschien? Nein, 130 Jahre alt sind die Häuser noch nicht. Was aber würde Rodenberg von seiner beschriebenen Route überhaupt wieder erkennen? Selbst der Volkspark Friedrichshain hat sein Aussehen verändert. Es ist bezeichnend, dass von Hitlers tausendjährigem Reich vor allem die Bunker Beständigkeit zeigten. Trotz mehrerer Tonnen Sprengstoff gelang es nach Kriegsende nicht, die beiden im Park errichteten Flakbunker komplett zu beseitigen. Daraufhin wurden sie mit Trümmerschutt zugeschüttet, den es ja nach Hitler zur Genüge gab, wodurch der Volkspark beträchtlich an Höhe gewann. Immerhin die Grabsteine auf dem ebenfalls mehrfach umgestalteten „Friedhof der Märzgefallen“, der sich am östlichen Rand des heutigen Volksparks befindet, hätte Rodenberg wieder erkannt. Wenn man sich anstrengt, den Kopf streckt und nach links schaut, kann man den Eingang auch von der Straßenbahn aus sehen.

Doch bleibt keine Zeit darüber nachzudenken, denn die M6 rast mit unverminderter Geschwindigkeit weiter. Schon huschen rechts am Fenster die Reste der Aktienbrauerei Friedrichshöhe vorbei. Die wenigen noch vorhandenen roten Backsteingebäude lassen die Größe des Betriebes nur mehr erahnen. Es bedarf einer guten Portion Vorstellungskraft hier Rodenbergs Beschreibungen zu verorten: „Wandernde Massen bedecken das Trottoir. Vier, fünf Weißbierlokale liegen hier in einer Reihe nebeneinander, jedes mit dem altehrwürdigen Motto: »Hier können Familien Kaffee kochen.«“ Damals war es normal, dass die Familien auf ihrem Sonntagsausflug ihren mitgebrachten Kaffee selber kochten. Gewinn machten die Gaststätten vor allem durch von Verkauf von Bier. Dass dieses nicht das schlechteste gewesen sein kann, beweist der Erfolg des Münchner Brauersohns Georg Patzenhofer, denn seine 1855 gegründete Brauerei wuchs und gedieh. Als er schließlich 1920 mit dem Hauptkonkurrenten Schultheiß fusionierte, entstand der damals größte Brauereikonzern Europas. Die Lage neben den drei Friedhöfen war dabei gar nicht ungewöhnlich. Einerseits eignete sich die zu den meisten Brauereien gehörende Gaststätte hervorragend zum Leichenschmaus, andererseits wurden Friedhöfe dort angelegt, wo der Grundwasserspiegel besonders tief war. Das wiederum garantierte eine hohe Wasserqualität, was für die Brauereien von großer Bedeutung war.

Auch Julius Rodenberg kehrte in eines der Lokale ein. Hier, am damaligen äußeren Rand Berlins, ließ er bei einem Bier seinen Spaziergang ausklingen. Die Straßenbahn aber fährt weiter. Schon ist sie an der Kreuzung Petersburger Straße, wo sie für einen Moment an der Ampel steht. Ein vor mir sitzende Rentner weist seiner Frau mit dem Kopf nach links zu schauen. Mit einem Kopfschütteln sagt er: „Es ist doch eine Schande, was sie aus dem Ess-E-Zett gemacht haben. Erst verkaufen sie’s für einen Euro und dann lassen sie’s verrotten.“ Man muss ihm zustimmen. Das Sport- und Erholungszentrum (SEZ), ein ehemaliges DDR-Vorzeigeobjekt, das mehrere Hallenbäder und Saunen, Rollschuh- und Kegelbahn und andere Sportanlagen unter seinem charakteristischen Dach vereinigte, ist mittlerweile arg heruntergekommen und zum Großteil geschlossen.

Mit einem Rucken fährt die Bahn an und nimmt wieder Geschwindigkeit auf. Wäre Rodenberg weiter die Landsberger Allee entlanggelaufen, hätte er von den großen Schlachthöfen berichten können, mit deren Bau 1877 begonnen wurde. So blieb es Alfred Döblin vorbehalten, ihnen in „Berlin Alexanderplatz“ ein literarisches Denkmal zu setzen. Heute sind nur noch wenige der schönen Backsteinhallen vorhanden. Wieder weist der Alte seiner Frau, nach rechts zu schauen: „Ne halbe Million sollen die hässlichen Reihenhäuser da kosten sollen. Möchte mal wissen, wer das bezahlen soll.“ Wie zuvor kommentiert sie die kurzen Bemerkungen nur mit einem stillen Nicken.

Derweil haben wir die Ringbahntrasse überquert und sind in Lichtenberg. Durch vier Stadtbezirke verläuft die Landsberger Allee. 23 Stationen sind es mit der M6 vom Platz der Vereinten Nationen bis zur Zossener Straße, wo sie in die Landsberger Chaussee übergeht. Der Großteil der Fahrt, die insgesamt 34 Minuten dauert, geht durch die Neubauviertel Lichtenbergs und Marzahns. Unbekanntes Berlin. Ich zähle die Eingänge eines der zahllosen Neubaublocks. Zehn Eingänge, elf Stockwerk, mit je zwei, drei oder vier Wohnungen pro Etage mit jeweils zwei, vielleicht drei Personen? Kopfrechnen für Fortgeschrittene. Rund 250.000 Menschen leben allein im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Unterschlagenes, zumindest aber untergewichtiges Territorium der Großstadt Berlin.

Doch es geht auch alt. So zum Beispiel als die Straßenbahn das Wasserwerk Lichtenberg passiert. Das im Stil der märkischen Backsteingotik errichtete Zwischenpumpwerk wurde 1889-93 gebaut. Es müssen andere, architektonisch bessere Zeiten gewesen sein, als man sich für das Äußere einer Anlage, die damals in der unbewohnten Peripherie lag, solche Mühe gab. Kaum ist das Wasserwerk an der rechten Seite aus dem Blickfeld, weitet sich der Horizont. Großformatige Werbetafeln, Schnellstraßen, Unter- und Überführungen, Gleisanlagen, Lagerhallen, Industriebrachen und Autohäusern verleihen der Landschaft nahezu US-amerikanische Dimensionen. Der Höhepunkt dieses Gefüges ist die 106 Meter hohe „Pyramide“, an der Ecke Rhinstraße. Das 1995 fertig gestellte 23stöckige Bürohochhaus, wirkt als hätte sich ein amerikanischer Investor bei der Standortwahl knapp verschätzt – um ca. 10 Kilometer. Statt einem Hochhaus unter vielen am Potsdamer Platz, ist es so zum „Wahrzeichen im Bezirksdreieck Hohenschönhausen, Lichtenberg und Marzahn“ geworden, zumindest den Betreibern zufolge. Wahrzeichen – ob dies in Anbetracht der andauernden Auslastungsprobleme ein Kompliment ist, sei dahingestellt.

An der letzten Haltestelle auf der Landsberger Allee steige ich aus. Auf der Suche nach einem Lokal, wo ich meinen Ausflug, wie einst Julius Rodenberg ausklingen lassen kann, durchquere ich einen tristen Plattenbauplanquadranten. Leider erfolglos. Wo gehen die Menschen, die hier leben, zum Essen und Trinken hin? Ich sehe: weitere Erkundungen sind nötig. Aber das ist eine andere Geschichte.

5 Kommentare

  1. Na klar, da muss noch ein zweiter Teil folgen. Schließlich gibt es auch ganz im Osten jede menge Dinge zu erkunden.
    Herr Rodenberg hätte bestimmt seine Freude an den Gärten der Welt gehabt.

    (Übrigens: Das Wasserwerk ist keines. Es ist ein Zwischenpumpwerk und speichert heute nur noch Trinkwasser.)

    • Die Ausflüge in den „fernen Osten“ werden bestimmt fortgesetzt. Danke auch für den Hinweis mit dem Zwischenpumpwerk. Da lohnt sich doch der Blog schon des Dazulernens wegen.

  2. da wäre schon auch der Erwähnung wert, dass du damit auch die Geschichte der Platte entlang fährst ;-) Am Leninplatz (ehemaligen) bzw. kurz vorm Tor noch die Platte der 60er Jahren, die man dann nochmal in Variation am Springpfuhl entdecken kann, was zugleich das erste große Plattenprojekt Berlins war und auch die ersten Platten der 70er mit nacktem Beton hatte. Da lohnt sich das flanieren auch soweit, dass man abseits der großen Achsen merken kann, was die städtbauliche Idee hinter den Riegelbauten gewesen ist: die Erzeugung von Ruhezonen.

    • Stimmt. Gute Idee. Allerdings hatte ich schon bei der jetztigen Textlänge das Gefühl, dass das eh kaum noch einer lesen wird. Aber vielleicht sollte ich ne Serie draus machen.

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