Nante Berlin

Berliner Geschichtenwegweiser

Heinz Knobloch: Ein Meister der Zwischentöne

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Der Journalist und Schriftsteller Heinz Knobloch hat Berlin mit einer eigenen Geschichten-Karte überzogen, deren Lektüre noch heute lohnenswert ist.

„Wenn dich die Stadt erregt, wenn dich ihre Größe bedroht, musst du über sie schreiben oder sie malen. Oder nur von ihr erzählen. Sie horcht.“

Gedenkstein auf dem Heinz-Knobloch-Platz

Gedenkstein auf dem Heinz-Knobloch-Platz

Mit dieser Einstellung wäre der Verfasser heute vielleicht Blogger geworden. Aber Heinz Knobloch, von dem das Zitat stammt, lebte von 1926 bis 2003 und musste sich andere Kanäle suchen, um seinem Berlin beizukommen. Dass seine Berlin-Bewältigung produktiv war, davon zeugen mehr als 50 Bücher, die er verfasste. Neben zwei Romanen, mehreren Biografien und Autobiografien sind es vor allem Sammelbände seiner Feuilletons. So verfasste er allein zwischen 1968 und 1988 1.000 Beiträge für die DDR-Zeitschrift „Wochenpost“.

Feuilletons aus der DDR? Interessiert das heute noch jemanden, außer einige Historiker und Zeitungswissenschaftler? Ja, denn Heinz Knobloch war nicht nur Journalist, sondern auch ein ebenso feinsinniger wie humorvoller Chronist, dessen Texte auch 11 Jahre nach seinem Tod noch zum Verständnis Berlins beitragen können.

 „Ich möchte meist gern etwas mehr wissen, als im Geschichtsbuch steht. Und wenn dort das angeblich Wichtige mitgeteilt wird, frage ich gern: aber Wo war es? Und Wie trug es sich genau zu? Denn nicht nur der Teufel steckt im Detail, sondern die eigentliche Geschichte.“

Die Genauigkeit mit der Heinz Knobloch seine Artikel und Bücher recherchierte, war legendär. Dennoch ging es ihm nie um trockenes Faktenwissen. Geschichte wird in seinen Augen erst dann verständlich, wenn sie über Personen und in Geschichten vermittelt wird. Und diese müssen farbig und lebendig, spannend und unterhaltsam sein. Dabei waren es oft die so genannten kleinen Leute, die Menschen in der zweiten Reihe, deren Leben und Handeln er beleuchtete und würdigte.

Seine fünf Monografien sind hierfür ein gutes Beispiel. Am Leben der Sekretärin Rosa Luxemburgs oder des Polizisten Wilhelm Krützfeld, der in der Reichskristallnacht die Zerstörung der Berliner Synagoge in der Oranienburger Straße verhinderte, zeigt er, dass Zivilcourage und Menschlichkeit Tugenden sind, die nicht den großen Helden, wie sie die DDR seinerzeit gerne feierte, vorbehalten sind.

Bemerkenswert sind auch zwei BVG-Beamte, die in dem Text „Stadtmitte umsteigen“ aus dem Jahr 1982 eine wichtige Rolle spielen. Ausgangspunkt für Knobloch und seine Erkundungsreise ist die Gegenwart (also die des Jahres 1980) und die U2-Station Stadtmitte. Die DDR stand noch in ihrer vollen Blüte und das Berliner Nahverkehrssystem war zweigeteilt. Eine Folge davon waren die so genannten Geisterbahnhöfe, die unter der Erde im Ostteil der Stadt lagen aber nur von den Westberliner Zügen durchfahren wurden, damit diese auf kurzem Weg vom Wedding nach Kreuzberg kamen.

Über einem solchem, oberirdisch zugemauerten, Geisterbahnhof beginnt Knoblochs Reise in die Vergangenheit. Über einige Abstecher nimmt er die Leser mit ins Jahr 1945. Es sind die letzten Kriegstage Anfang Mai und die U-Bahnstation Stadtmitte ist gefüllt mit Flüchtlingen und Berlinern, deren Wohnungen zerbombt wurden. In dieses bange Warten auf das Kriegsende tritt der Generalmajor der Waffen-SS Wilhelm Mohnke aus der Reichskanzlei. Hitler hat sich bereits umgebracht und der schwerbewaffnete Mohnke will sich mit einigen Getreuen und einen Säckchen Brillianten aus Berlin absetzen. Dazu wählt er den Weg durch die U-Bahnschächte, in denen keine Züge mehr fahren.

Bis zum Bahnhof Friedrichstraße kommen sie auf dem Gleisbett gut voran, dann aber stockt die Flucht. Um die Spree zu unterqueren, muss im Tunnel ein Sicherheitsschott geöffnet werden. Vor diesem aber stehen zwei BVG-Beamte, die die Anweisung haben das Tor nur für Züge zu öffnen. Zum großen Erstaunen der Gruppe um Mohnke weigern sich die beiden Beamten den Durchgang frei zu geben – Dienstanweisung ist schließlich Dienstanweisung. Und auch wenn es sich um einen SS-General mit durchgeladener Maschinenpistole handelt, ist dieser deswegen immer noch nicht ihr Vorgesetzter und kann ihnen, aus ihrer Sicht, keine Befehle erteilen. Preußisches Pflichtbewusstsein will man meinen und eine Hartnäckigkeit, die anscheinend auch Mohnke so viel Respekt abforderte (oder ihn überforderte), dass er nicht einfach kurzen Prozess machte.

Das denkwürdige Patt endet damit, dass der SS-Trupp unverrichteter Dinge abzieht und sich oberirdisch einen anderen Fluchtweg sucht. Was die BVG-Beamten dazu bewog, sich zu widersetzen, vermag auch Knobloch nicht zu sagen. Doch schärft er mit seinem assoziationsreichen Text den Blick für die Komplexität von Geschichte, die mitunter widersprüchlich und lückenhaft ist. Zu deren Verständnis hilft das damals (und auch noch heute oft) praktizierte Schwarz-Weiß-Denken jedenfalls selten weiter. Vielmehr kommt es auf die Zwischentöne an, und genau diese wollte Knobloch mit seinen Feuilletons immer zu lesen lehren.

Nicht selten nimmt er dabei auch das Leben in der DDR aufs Korn. Ironisch und doppelbödig schreibt er zwischen den Zeilen an der Zensur vorbei. „Manche Feuilletons schreibt man, um einen Nebensatz sagen zu können“, ist sein Motto und die ostdeutschen Leser schätzen ihn gerade deswegen. Doch lässt sich Knobloch nicht auf DDR-Themen festlegen. Die feuilletonistische Heimatkunde, die er als Berliner Flaneur betreibt, beginnt weit vor dem real existierenden Sozialismus und geht auch darüber hinaus.

Aber Heinz Knobloch hat nicht nur am großen Text der Stadt mitgeschrieben, er hat auch konkrete Spuren im Stadtbild hinterlassen. Seine Arbeiten lenkten die Blicke auf Orte, deren Geschichte in Vergessenheit zu geraten drohte. Gerettete Gräber, Gedenktafeln und Änderungen von Straßennamen sind nur einige Beispiele für den Nachhall seiner journalistischen Tätigkeit. Da ist es nur folgerichtig, dass der Platz an dem das langjährige Wohnhaus des Autors steht, zwei Jahre nach seinem Tod seinen Namen bekam.

Die Persönlichkeit eines Autors zeigt sich bekanntlich am ehesten in dessen Werk. Bei der Frage, was für ein Mensch Heinz Knobloch war, lassen wir ihn also am besten selbst zu Wort kommen:

„Es gibt so eine Art Alptraum. Eines Morgens sitzt in der U-Bahn neben mir ein Mädchen. Sie lernt verbissen von einem zerknautschten Zettel in ihrer Hand. Ich werde hinschielen und entziffern: Die grundlegende Bedeutung des Feuilletons. »Du liebe Güte«, sage ich. »Ist denn das ein Grund? Werden Sie etwa damit geprüft?« »Leider«, sagt sie. »Heute morgen um zehn.« »Ich komme mit«, sage ich. »Ich geh mit `rein. Ich helfe Ihnen.« Sie sieht mich an. Sie sagt: »Sie sehen nicht so aus, als ob Sie viel davon verstehen.« Wenn sie das sagt, bin ich gerettet.“


Was sich so im Netz zu Heinz Knobloch findet: Neben dem Wikipedia-Artikel bietet die Seite www.heinz-knobloch.de weiterführende Informationen zum Leben und Werk des Autors. Hier kann auch das Feuilleton „Das Kernhaus“ gelesen werden, das ein gutes Beispiel für seinen ironischen Stil ist. Mit „Gegen den Strich trösten“ hat die Schriftstellerin Daniela Dahn, die als junge Journalistin bei Heinz Knobloch studierte, einen schönen Nachruf auf ihn verfasst.

3 Kommentare

  1. Niemand würde heute den beherzten Reviervorsteher Krützfeld kennen, wenn Heinz Knobloch ihn nicht mit seinem Buch ein Denkmal gesetzt hätte. Aufgrund seiner Veröffentlichung ist der Platz vor dem Rathaus Tiergarten nach Mathilde Jacob benannt worden. Und kein anderes Buch hat den Menschen Moses Mendelssohn so herzlich proträtiert, wie Knobloch, das mit dem Satz beginnt „Misstraut den Grünanlagen“.
    Was er für ein Mensch war? Ich durfte ihn einige Male treffen und war immer wieder über seine Wärme, seinen Witz, seine Intelligenz und sein Wissen beeindruckt. Sein Tod ist ein wirklicher Verlust.
    Danke für diesen schönen Artikel!

    • Danke für das Lob. Ich hab die Bücher von Heinz Knobloch leider erst 2004, also ein Jahr nach seinem Tod entdeckt. Aber so wie Du ihn beschreibst, hab ich ihn mir nach der Lektüre auch immer vorgestellt.

  2. Übrigens hat die Dorotheenstädtische Buchhandlung in der Turmstraße vor Jahren den gesamten noch vorhandenen Bücherbestand von Heinz Knobloch aus DDR-Zeiten aufgekauft. Zumindest im vergangenen Jahr hatten sie da noch eine Menge von. Soweit ich weiß, sind nämlich nicht alle in Gesamt-DE nachgedruckt worden.

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