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Berliner Geschichtenwegweiser

Alfred Wolfenstein zum 70. Todestag

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Alfred Wolfenstein war einer der bekanntesten Lyriker des Expressionismus. Vor 70 Jahren beging er Selbstmord. Ein Gedicht zur Erinnerung.

Am 22. Januar 1945 nahm sich der jüdische Dichter Alfred Wolfenstein in Paris das Leben. Wolfenstein, der viele Jahre in Berlin lebte, gilt als einer der wichtigsten Autoren des Expressionismus. Eines seiner bekanntesten Gedichte ist „Städter“ aus dem Jahr 1913, das trotz seiner hundert Jahre kaum an Aktualität eingebüßt hat. Und sowieso: man sollte die Woche viel häufiger mit einem Gedicht beginnen.

Städter

 

Nah wie Löcher eines Siebes stehn

Fenster beieinander, drängend fassen

Häuser sich so dicht an, daß die Straßen

Grau geschwollen wie Gewürge sehn.

 

Ineinander dicht hineingeharkt

Sitzen in den Trams die Fassaden

Leute, wo die Blicke eng ausladen

Und Begierde ineinander ragt.

 

Unsre Wände sind so dünne wie Haut,

Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine,

Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle:

 

Und wie stumm in abgeschlossener Höhle

Unberührt und ungeschaut

Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.

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